Reisebericht – South Tyneside (England) 2001

logo_towntwinningBesuch im Rahmen des 50jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und South Tyneside 04.07.2001 – 09.07.2001

Donnerstag, 05.07.2001

Abschied England_kleinJazzpension on Tour. Wieder einmal nach langer Zeit war es soweit daß die Jazzpension sich auf die Reise in die große weite Welt begab. Die letzte Fahrt nach Polen liegt schon 3 Jahre zurück und so langsam wurde es mal wieder Zeit für eine gemeinschaftsfördernde Abfahrt. Diesmal stand England auf dem Fahrplan, genauer gesagt South Tyneside. Anlass dieser Reise, deren Kosten durch die Stadt Wuppertal gedeckt wurden, war das 50jährige Bestehen der Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und South Tyneside. Diese Städtepartnerschaft, die im Jahre 1951 von englischer Seite aus als die erste zwischen einer englischen und deutschen Stadt nach dem zweiten Weltkrieg initiiert wurde, wird seid Anbeginn dieser Partnerschaft unter anderem durch den Kulturaustausch zwischen beiden Städten am Leben erhalten. Teil dieses Austausches war diesmal auch die Big Band der Bergischen Musikschule, Wuppertal. An dieser Fahrt haben 35 Musiker teilgenommen, darunter die Jazzpension und “Die himmlischen 10”, die sich aus 12 Streichern zusammensetzen und einigen Arrangements der Big Band das Sahnehäubchen aufgesetzt haben.

Abfahrt in Wuppertal war um 11.00h Ortszeit. Zuvor wurde der Bus mit Instrumenten, Gepäck und allerlei lebenswichtigen Dingen wie palettenweise Dosenbier, Obst und Säften bestückt, um eine stimmungsvolle Überfahrt zu gewährleisten. Die Stimmung war ausgelassen, alles freute sich auf den Beginn der Fahrt, auf die wir uns schon seit einem halben Jahr vorbereitet haben, unter anderem mit Marschübungen (ja, die Jazzpension hat Marschmusik gepielt!!!) und intensiven Proben mit den Streichern. Zu Beginn der Fahrt saßen die Big Band und Streicher noch strikt getrennt voneinander im Bus. Streicher hinten, die Chaoten vorne. Das hat sich aber zum Glück im Verlaufe der Fahrt geändert, so daß es am Schluß jeder mit jedem getan hat.

Während der Fahrt nach Zeebrügge wurden die ersten Videos und Jazz-CD’s im Bus abgespielt – zur Erbauung der Allgemeinheit. Gegen 15 Uhr mußten dann – später als von mir erwartet – die ersten Bierchen ihr Leben in den durstigen Kehlen einiger Musiker lassen. Und es hat wirklich geschmeckt! Das Gute Veltins hat uns gute Dienste geleistet bis es völlig überraschend schon am ersten abend in England aufgebraucht war.

Ankunft in Zeebrügge war gegen 17.00h und da sahen wir sie, die Fähre, die uns in stundenlanger Fahrt vom Kontinent auf die Insel bringen sollte, auf der die Queen ihr eisernes Zepter der Regentschaft schwingt. Die MS Norman von P&O Ferries war eine schon etwas betagte Fähre, rostig, mehrfach überpinselt, gezeichnet von der zerstörerischen Kraft des Salzwassers aber noch akzeptabel. Allerdings machten Die Rettungsboote machen keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck. Die Winden waren “leicht” versifft, die Schrauben der Boote bestanden augenscheinlich nur aus Rost und ich bezweifle stark, daß die Motoren nochmal anspringen könnten. Auf den Schreck hin war das nächste Bierchen fällig – danach und nach dem Abendessen, daß übrigens erstaunlich gut war (mal abgesehen von der Vorsuppe: die war als Minestrone deklariert, war aber de facto eine waschechte Rindfleischsuppe, die noch gemuht hat), sah die Welt schon nicht mehr ganz so baufällig aus. Die Kabinen waren okay, Außenkabinen mit freiem Blick auf das offene Meer. Klein, spartanisch aber sauber eingerichtet.

Die Überfahrt war schön ruhig, was sich nicht auf die Stimmung, sondern auf den Wellengang bezieht.

Nach dem Essen und einem ersten Orientierungslauf durch das Schiff haben sich wundersamerweise alle Musiker auf dem obersten Deck unterhalb des Schornsteins versammelt, der anscheinend etwas sehr anziehendes hat. Die Stimmung stieg weiter und nach einiger Zeit verziehe ich mich mit ein paar Leuten unter Deck, um auf dem Zimmer Musik zu machen. Sehr eng, aber sehr gemütlich. Später am abend geht es wieder zurück auf Deck mit Instrumenten und tanzenden Geigen (namens Pia und Katherina). ‘Löwenzahn’ war der größte und auch letzte Hit des abends…

Freitag, 06.07.2001

Gegen 07.00h Ortszeit wird das ganze Schiff wachgeküßt von den zarten Lauten eines kreischenden Lautsprechers in jeder Kabine. Das kann man einfach nicht überhören und hätte selbst Tote und Schnapsleichen (die es aber erstaunlicherweise nicht gegeben hat) aufgeweckt. Duschen, anziehen, Klamotten zusammenpacken, Frühstück. Es gibt English Breakfast mit Spiegeleiern, Würstchen, Bacon, Baked Beans, Toast und viiiiiiel Kaffee. Auf dieser Fahrt habe ich gelernt, daß man Kaffee auch am Morgen in rauhen Mengen trinken kann. Ich hoffe nur, daß ich jetzt nicht doch noch zum Kaffeetrinker mutiere, dessen erster Gedanke nach dem Aufstehen dem schwarzen Gebräu gilt.
Ankunft in Hull, England gegen 08.30h Ortszeit.

Im Bus geht es voller Erwartungen und mit etwas Schlaf in den Augen weiter nach South Shields, wor wir um ca. 14h ankommen. Dort erwartet uns der erste offizielle Teil dieser Reise: ein Empfang im Rathaus beim Bürgermeister. Nach der Begrüßung und der Überreichung eines Wanderpokals durch Wuppertaler Radfahrer, die diesen Pott im Rahmen der Städtepartnerstadt von Wuppertal quer durch England nach South Shields kutschiert haben, kommt der Mayor Allan Kerr direkt zur Sache, nämlich zum Buffet. Es gibt ein kaltes Mittagessen, ein Buffet mit gekochten (!!!) Hähnchenschenkeln, Salaten, Brot und Back-Kartoffeln, (zuckersüßem) Weiß- bzw. Rotwein. Danach Kaffee. Was für eine Wohltat nach den kulinarischen Grausamkeiten des Essens.

Das Essen war noch nicht verdaut, da rief die Pflicht des dicht gedrängten Programms zur nächsten Station unserer Fahrt. Die hieß Customs House und war ein Rex-ähnliches Theater in South Shields. Klein, aber fein. Dort bauten wir das Bandequipement auf, um anschließend einige Stücke für den Auftritt beim Galakonzert am Abend zu proben.
In einer kurzen Pause konnte ich kurz die Fußgängerzone von South Shields auf der Suche nach Ansichtskarten besichtigen. Erster Eindruck: ziemlich heruntergekommen. Beinahe alle Gebäude sind vollgeschissen von dauernd kreischenden Möwen, die sich um jedes Krümelchen Brot balgen, daß sie irgendwo auf der Erde finden. Ich wurde sogar Zeuge eines waschechten Mundraubs: eine Möwe kreiste schon eine ganze Weile über zwei jungen Mädchen, als eine aus Versehen etwas fallen ließ. Es hat keine zwei Sekunden gedauert, da hatte die Möwe zugestoßen und ist samt der Beute im Schnabel verschwunden! Gewitzt sind die Viecher ja, das muß man denen ja lassen. Die kleinen Geschäfte in der City sind recht alt und extrem unmodern eingerichtet, desgleichen die Bank, bei der ich eine 20-Pfund Note gewechselt habe. Lediglich die Filialen von einigen großen Ketten waren zeitgemäß ausstaffiert, der Rest erinnerte irgendwie an längst vergangene Tage. Und ich dacht, ich wäre in England gelandet…

Nach der Probe fuhren wir zur Unterkunft im Wohnheim des Dr Winterbottom College. Kleine Zimmer mit Doppelstockbetten, spartanisch eingerichtet. Dusche und Toilette auf dem Gang, Waschbecken im Zimmer. Es gibt keine Handtücher und diejenigen unter uns, die sich darauf verlassen hatten, daß es Handtücher auf den Zimmern gäbe stehen nun auf dem Schlauch – so mein Zimmergenosse, der nur ein winziges Handtuch dabei hat und auch duschen wollte… J Die Matratzen sind mit einem Plastiküberzug bezogen, der höllisch stinkt – wahrscheinlich ist das in einem Wohnheim, wo ausschließlich Kerle wohnen ganz sinnvoll – wenn Du weiß was ich meine…

Nach einer kurzen Chill-Out-Phase versammeln wir uns zum Abendessen in der Mensa. Das Essen dort ist erstaunlicherweise sehr lecker und sehr reichhaltig. An diesem Abend muß keiner Hunger leiden.

Nach dem Essen steht ein Garderobenwechsel an, im Volksmund auch ‘Umziehen’ genannt. Raus aus dem Bombenleger-Dress, Verwandlung in „die schwarzen Rächer“. Die komplette Band tritt in Schwarz auf von wegen “Black is beautiful”, gell?

Der Bus fährt uns zurück zum Customs House und zum Gala Konzert aus Anlaß des Jubiläums.

Ein hervorragender Conferencier führt mit viel Witz und Charme durch das Programm des Abends, daß von zahlreichen Jugendlichen und Junggebliebenen aus South Tyneside und der Jazzpension + den himmlischen 10 gestaltet wurde.

Ablauf:

  • Ansprache vom Mayor von South Tyneside, Alan Kerr und dem OB von Wtal Dr. Hans Kremendahl. Geschliffene Sprache gefälliges Lächeln. Politik eben. Unser OB bemüht sich anscheinend krampfhaft, einen amerikanischen Akzent in sein Englisch zu bekommen. Jedenfalls rollt das ‘r’ sehr amerikanisch auf die Zuhörerschaft zu.
  • Customs House Big Band (klassischer Swing, sehr hoher Altersdurchschnitt, sehr exakt gespielt, hervorragende Sax-Section)
  • Pina Bausch inspierierte Tanzgruppe, die Wtal besucht hat. (Wow, die Mädels haben sich echt Gedanken gemacht und konnten diese auch noch tanzen! Hervorragend. Nach der Darbietung hat der Saal getobt!)
  • Tanzgruppen mit kleineren und größeren Kindern, die allesamt mit erstaunlicher Perfektion ihre Tänze vorgeführt haben.
  • Kinderchor einer örtlichen Grundschule singt deutsche Volkslieder (Hänschen Klein, Heideröschen etc.)
  • Blasorchester (klangewaltig und gut)
  • Gospelchor
  • Gesangsquartett
  • Jazzpension + die himmlischen zehn.

Nach dem offiziellen Teil des Abends und einem recht gut gelungenen Auftritt unsererseits gibt es noch eine kleine Aftershowparty in Form eines Empfangs in der Gallerie des Customs House bei Rot- und Weißwein. Und natürlich BIER! Hier endlich gibt es die Gelegenheit das eigene Englisch auszupacken und seine Fähigkeiten am lebenden Objekt zu testen. Es gibt seltsamerweise kaum Rohrkrepierer. Englisch kann wirklich jeder mindestens verstehen, einige Engländer verstehen auch deutsch, so daß es nicht zu kriegsauslösenden Mißverständnissen kommen konnte. Einig waren sich alle Beteiligten darüber, daß es ein sehr gelungener Abend zur Darstellung der Kultur der Partnerstädte gewesen ist. Kein Beitrag ist Qualitativ aus dem Rahmen gefallen. Besonders beeindruckt war ich von der Sax-Section der Big Band, dem modernen Tanztheater und den kleinsten der Tänzerinnen, die wirklich perfekte Abläufe getanzt haben.

Rückfahrt zur Unterkunft. Party im Aufenthaltsraum von Gebäude E mit Pizza und Bier und lautem Gesang. Ärger mit dem Security-Menschen, der das Gelände überwacht und der mehrmals vorbeischaut und uns zur Ruhe ermahnt – ohne nachhaltigen Erfolg.

Samstag, 07.07.2001

Frühstück im College, English Breakfast. Die Gesichter sind übermüdet, aber nicht hoffnungslos.

Fahrt im Bus zu Bede’s World, einer Austellung über Bede (einem lokalen Helden). Dort, in der Veranstaltungshalle soll die Jazzpension am abend vor der städtischen Prominenz spielen. Der Raum ist sehr hallig und laut, weil komplett mit Marmor ausgelegt und die Wände sind ebenfalls nackelig. Aufbau der Musikanlage, Probe. Autsch – die armen Ohren!

Weiterfahrt in die Innenstadt, wo wir bei der Parade zu Beginn des Catherine Cookson Festivals (Catherine Cookson ist eine berühmte Schriftstellerin, die über 100 Romane rund um Tyneside geschrieben hat und von den Einwohnern deshalb hoch verehrt wird.) mitmarschieren dürfen. An vierter Position!!!! Jetzt ist mobile BigBand angesagt. Soll heißen: die Bewährungsprobe für die Bemühungen Martin Zobels, uns das gleichzeitige marschieren und spielen beizubringen. Die Resultate sind ganz annehmbar. Jedenfalls haben wir mächtig viel Spaß in den Backen und die Zuschauer scheinen uns auch nicht gerade ausbuhen zu wollen obwohl wir eigentlich gar nicht nach einer klassischen Marschkapelle ausschauen. Bunt gekleidet, unrasiert, laut, zum Teil (aber nur ein ganz kleines bißchen) ungenau gespielt – ein chaotischer Haufen, der so gar nicht mit der anderen Band zu vergleichen ist, die ebenfalls im Zug mitmarschiert. Adrett gekleidet, disziplinierte Marschordnung, Gleichschritt. Zum Schreien der direkte Vergleich!

Die Parade geht einmal durch die ganze Innenstadt, von der wir auf diesem Wege wenigstens einen kleinen Teil sehen können, bis hin zu einer großen Festwiese am Rande des Zentrums. Dort werden wir zu einem abgeteilten Teil des Geländes geschickt und wir bleiben dort bis wir Futter bekommen haben und die Preisverleihung beendet war. Preise gab’s für den besten Wagen, für die besten Sänger und was weiß ich noch alles. Unter anderem wurde auch der Preis für die beste Band verliehen… und den hat tatsächlich die Jazzpension bekommen. Wahnsinn. Halb im Delirium liegend (das Bier schmeckte schon wieder ganz gut) liegen wir auf der Wiese, als wir plötzlich aufgerufen werden. Die ganze Band schreckt aus dem Dämmerzustand hoch, steht auf und ist zunächst einmal total baff. Aber es stimmt wirklich. Martin Zobel holt die Preisplakette ab, worauf sich die Jazzpension verewigen darf. Einhellige Meinung über den Preis: das war gefaked, aber trotzdem sehr nett. Ich bezweifle einmal mehr, daß sowas in Wuppertal möglich wäre. Der OB ist auch dort und er muß wieder englisch sprechen. Sehr schön gemacht, Hr. Kremendahl. *kicher*
Es folgt die erschöpfte Rückfahrt zum College. Wo die weichen Betten der Unterkunft auf uns warten. Es ist ca. 16.00h.

Ankunft im College, schlafen – 1,5 Stunden. Es ist bitter nötig. Kein Abendessen. Das ist uns für den Abend bei Bede’s World versprochen worden. Umziehen, „schwarze Rächer Montur”, Fahrt zu Bede’s World.

Das erste Set wird tatsächlich leise gespielt. Nach der Pause allerdings ist es dann mit der Ruhe und Beherrschung vorbei. BigBand Power PUR! Die Leute sind trotzdem begeistert. Einige Musiker haben sehr nette Gespräche mit den anwesenden Engländern. Marvin (unser Sänger) ist sogar von einer älteren Dame eingeladen worden, sie zu besuchen, wenn er mal wieder in South Tyneside ist… Auch der Bürgermeister von Tyneside nebst Gattin ist hin und weg gewesen von unserer Musik und hat anschließend nicht mit Lob gespart, wohingegen der Wtaler OB sich noch nichtmal im Konzertsaal hat blicken lassen.

Nach dem eigentlichen Konzert haben auch einmal ein paar Leutchen noch mehr Bock auf Musik gehabt. Zunächst waren es nur zwei, drei Leute, die ganz ganz leise Musik gemacht haben, die aber wiederum andere Musiker angelockt hat. Dann sind wir langsam zu lauteren Tönen umgeschwenkt, die hinterher zu einer irren Party ausgeartet sind. Bei Funk-Klassikern wie „Superstitious“ oder „I got you“ sind nicht nur die tanzenden Geigen, sondern auch die anwesenden Engländer ausgetickt und haben sich im Sinne der Völkerverständigung und Städtepartnerschaft das Hirn aus dem Schädel geschüttelt. Genial! Auch ein alter Engländer, der nahezu jeden Jugendaustausch zwischen den beiden Partnerstädten miterlebt hat, sagte, daß er so etwas wie an diesem Abend noch nie miterlebt hätte. So begeistert war er von der Stimmung. Von diesem Abend werde nicht nur ich noch sehr lange träumen…

Gegen 2 Uhr Rückfahrt zum College. Es folgte wie am abend zuvor: Party im Haus E bis in den frühen Morgen. Harry, unser Busfahrer, entpuppt sich als Gitarrentalent, das nebenbei auch noch ganz passabel singt (sofern das bei 5 Promille überhaupt möglich ist). Sanna (unsere Sängerin) kommt mit ein paar Engländern ins Gespräch, die sich danach ebenfalls bei uns niederlassen und fröhlich mitfeiern. Es wird schon hell draußen, als wir langsam ins Bett schwanken…

Sonntag, 08.07.2001

Der morgen danach. Die Gesichter sind verquollen, die Augen beinahe zugewachsen. Viele trauen sich erst gar nicht zum Frühstück, sondern ziehen es vor, still und leise zum Bus zu kriechen. Bei mir ist es auch ganz schön heftig, allerdings habe ich im Gegensatz zu dem einen oder anderen länger als nur zwei Stunden geschlafen. Achim und ich schaffen es trotz aller Beschwerden erfolgreich bis zum Frühstückstisch.

Der erste Programmpunkt des Tages und gleichzeitig der letzte offizielle Termin in South Shields ist wieder einmal ein Empfang im Rathaus. Zuerst ist auf dem Rathausvorplatz eine Plakette/ Denktafel aus Stein enthüllt worden, in der die Städtepartnerschaft zwischen Wuppertal und South Tyneside in Stein gemeißelt ist. Vor dem Stein wird von den Bürgermeistern artig das Politikerlächeln aufgesetzt und ein kräftiges Shakehands zelebriert. Sehr beeindruckend.

Im Rathaus selber geht es weiter mit Reden der beiden OB’s zur Geschichte der beiden Partnerstädte und der Geschichte der Partnerschaft selbst. Anschließend wurde die besungene Partnerschaft mit einem Papier und der Unterschrift beider Bürgermeister darunter aufgefrischt. Die Reden im Ratssaal haben etliche Leute nur halb liegend und hängend mitbekommen – so schwer ist der Kopf auf einmal geworden. Aufgewacht sind sie erst wieder nachdem der Applaus im Ratssaal geendet hatte und das Buffet eröffnet worden ist. Diesmal gab’ es keine gekochten Hühnerschenkel *schauder*, sondern richtig amtliches Fingerfood mit fritierten Krabben, Sandwiches, Obst, Pastetchen etc. Superlegger! Dazu gab’ es natürlich auch wieder alkoholisches – als ob wir nicht schon genug gehabt hätten!? Natürlich hatten wir nicht! Aber es gab’ auch noch nette Tischmusik von ein paar ganz jungen Musikern – von einer Grundschule soweit ich weiß. Die waren ganz gut, nur die Instrumente waren es nicht. Wenn die gestimmt gewesen wären…

Nach der offiziellen Verabschiedung der Band durch den Counciler Allan Kerr und seiner Frau unter heftigem Winken mit Britischen Flaggen sind wir zu einem Supermarkt gefahren, um unsere Biervorräte aufzufüllen und die übrigen Pfunde loszuwerden (nein, nicht die im Bauch, sondern die im Portemonaie) !!!

Ein typischer Englischer Supermarkt: riesig groß, Sonntags geöffnet. Tausend Mann Personal. Alle Kassen besetzt – selbst zu einer Zeit, wo kaum Leute in dem Laden sind braucht man sich nur umzudrehen, um eine Angestelle oder einen Angestellten zu sichten. Überraschenderweise hatte dieser Supermarkt eine recht große Gemüseabteilung. Sollte es für England doch noch Hoffnung in kulinarischer Hinsicht geben? Spätestes als mir die E-strotzenden giftgrünen und kreischend pinken Törtchen ins Gesicht gesprungen sind, wußte ich, daß das eine trügerische Hoffnung war. Zumindest in dieser Hinsicht ist in England Hopfen und Malz verloren.

Auf der nächsten Etappe im Bus haben auch die frisch eingekauften Biere schon wieder geschmeckt. Keine Ahnung warum, aber es war wieder soweit: the party must go on…

York, eine der schönsten Städte Englands, ist die nächste Station bevor wir in Hull die Fähre Richtung Festland und Alltag entern. Ursprünglich wollten wir zu der Zeit den Strand bei Tyneside ansteuern, aber wegen des schlechten Wetters (Regen in rauhen Mengen) haben wir uns dann doch für einen sehr kurzen Trip nach York entschieden. Die Kathedrale ist der Hammer. Vom äußeren Baustil her hat sie mich an die in Canterbury erinnert. Drinnen sind wir nicht gewesen, weil wir uns zu viert vor die Kathedrale gestellt und – was wohl – Musik gemacht haben. Zumindest kurz – anschließend sind wir noch tiefer ins Zentrum vorgestoßen, wo ein lateinamerikanisches Kulturfestival stattfand. Tolle Musik, heiße Latinas in knappen Kostümchen – das Leben kann ja so schön sein.

Die folgende Fahrt nach Hull, von wo aus uns die “Pride of Rotterdam” nach Rotterdam bringen sollte war geprägt von Bier, dummen Sprüchen und “Tower of Power”. Eine gute Mischung, die allgemein akzeptiert wurde.

Die Fähre, die uns im Hafen von Hull erwartete war ein etwas moderneres Schiff als dasjenige, welches uns nach England geschippert hatte. Ich würde sogar fast sagen, daß es noch fabrikwarm war. Baujahr schätzungsweise 1999. Das Innenleben war im Vergleich zu dem auf der Norham geradezu dekadent luxuriös. Marmorfußböden, Spiegel- und Glasflächen wohin das Auge blickte. Die Amusement-Bereiche des Schiffes waren ausgestattet mit modernster Technik, schönen Teppichen, komfortablen Polstern. Insgesamt wirkte das ganze Ambiente zeitgemäßer und nicht so schön angestaubt wie auf der Norham. Dafür waren hier die deutlich Kabinen enger, allerdings auch wieder mit Dusche und WC auf dem Zimmer.

Nach dem Abendessen haben wir uns langsam auf dem Sonnendeck am Heck des Kahns versammelt und sind dann langsam aber sicher dazu übergegangen, unsere Instrumente aus den Kabinen zu holen und das Deck zu beschallen. Und die Party ging weiter. Diesmal haben nicht nur die Geigen getanzt, sondern noch etliche andere Passagiere, die zufällig vorbeigekommen sind und ob der heiligen Klänge zu unseren Füßen verharren mußten. Nach ungefähr einer Stunde kamen dann die zwei tanzenden Geigen aufgeregt aus dem inneren des Schiffs gelaufen und meinten, wir könnten im Schiff weiterspielen, in der Piano Lounge. Der Pianist, der dort seinen Dienst normalerweise einsam spielend uns singend verrichtet schien ganz dankbar zu sein, daß mal etwas Abwechslung in seinen Alltag kommt. Wir stellten uns rund um das Piano auf und weiter ging’s bis um ca. 2 Uhr die Bar schließen mußte und wir gebeten wurden, ebenfalls aufzuhören. Wir sind ja umgängliche Menschen und haben der Crew diesen Gefallen getan.

Ab ca. 3 Uhr hat dann das Bett massiv gerufen und wir sind diesem Ruf schnell gefolgt. Schlafen allerdings konnten wir nicht oder nur sehr kurz. Durch das ganze Schiff lief nämlich eine permanente Vibration, die nicht nur störende Geräusche erzeugt, sondern auch die Betten ordentlich durchgerüttelt hat. Ich hatte schon den Verdacht, daß die Antriebswelle einen Schaden hat, aber dann kann der Kahn eigentlich nicht mehr fahren… Dazu kam dann noch eine nervig laute Lüftung, die das Einschlafen zusätzlich erschwerte. Summa summarum war diese Nacht definitiv die kürzeste. Der nächste Morgen war nach dem kollektiven Weckruf durch die Bordlautsprecher um 7 Uhr auch dementsprechend bitter: kleine Augen, wortkarge Mitmenschen. Einige hätten fast den Termin zum Vom-Bord-Gehen verpaßt. Die haben zum Teil aber auch die Nacht durchgefeiert und waren dementsprechend zu nichts zu gebrauchen.

Die Rückfahrt von Rotterdam aus verlief überwiegend schweigend und ruhig. Die Akkus waren ausgebrannt und mußten erstmal mit Hilfe von reichlich Schlaf wieder auf Vordermann gebracht werden, was aber nur in sehr begrenztem Umfang erfolgreich war. Die getankte Energie reichte gerade noch dazu aus, die Klamotten nach Ankunft an der Wuppertaler Musikschule aus dem Bus zu holen und irgendwie in die Autos zu verfrachten, die einen abholten – wenn man nicht zu Fuß nach Hause laufen mußte.

FAZIT
Die England-Fahrt hat alle vorhergehenden Fahrten nach Polen locker toppen können. Auch wenn wir wegen des engen Zeitplans kaum Zeit hatten, eigendständig etwas zu unternehmen, waren die Erlebnisse doch so prägnant, daß dieser Mangel dar nicht ins Gewicht fällt. Ich denke, daß alle die mitgefahren sind, diesen Trip noch einmal wiederholen würden.