Reisebericht von Melanie – Liegnitz (Polen) 2003

Legnica2003_1Vom 16.10.03- 20.10.03 waren wir in einem Land, in dem alkoholische Getränke wie Wasser aussehen (und auch so getrunken werden), das Wasser wiederum als Dekoration mit Zitrone und Petersilie verziert auf dem Tisch steht und in dem wahrscheinlich schon die Kleinkinder aus ihren Fläschchen heißes Bier nuckeln.

Nachdem wir an der Grenze unseren Eintritt bezahlt hatten, mussten wir erst mal noch ein paar Stunden warten, was ein bisschen das Gefühl vermittelte, dass wir in Wirklichkeit im Phantasialand gelandet waren. Die Autobahn hinter der Grenze fühlte sich dann auch ähnlich an wie die größte Betonachterbahn der Welt, wobei die Momente größten Nervenkitzels die waghalsigen Überholmanöver unseres Busfahrers waren. Sogar Souvenirshops gab´s: Am total einsamen Straßenrand mitten in der Pampas standen vermummte Gestalten in der Kälte und verkauften Pilze, Gartenzwerge, Kuhfelle und was man sonst noch für den täglichen Verbrauch benötigt.

In Liegnitz angekommen, lernten wir beim Frühstück das polnische Essen kennen, das sich durch drei Worte bestens beschreiben lässt: deftig, fettig und vor allem viel. Das „viel“ gefiel unserem lieben Gitarristen sehr gut, der gegen Ende der Reise schon bei Beginn der Mahlzeit zwei Portionen bekam und der außerdem auch als Restefresser fungierte. Allerdings bekam nicht jedem das viele fette Essen so gut, was dazu führte, dass beim ersten Auftritt die Trompeter nur knapp dem Erstickungstod entgingen und man im Bus des öfteren den Eindruck hatte, an einem frisch gedüngten Acker vorbeizufahren.

Bei der Unterbringung konnten sich zumindest die weiblichen Mitglieder der Band nicht beschweren. Auf bequemen Klappsofas in geruchsfreien Zimmern im 4. Obergeschoss ließ es sich gut schlafen, wenn man mal vom nächtlichen Schnarchen des Leitungsteams im Zimmer nebenan absah. Die Jungs zwei Etagen tiefer hielten das im Gegensatz zum Geruch nach Mottenpulver und frisch verlegtem Linoleum für das kleinere Übel, und zwei von ihnen schliefen deshalb auf dem Boden in den oberen Gemächern. Dort musste sich eigentlich auch niemand einen Wecker stellen, da man von Herrn Zobels Selbstgesprächen morgens früh im Bad genauso aufwachte.

Das mit dem Bad war überhaupt so eine Sache: Es gab eins für alle. Das förderte sehr die Kommunikationsfähigkeit in der Gruppe. Man konnte auch sonst viel von den architektonischen Methoden der Polen lernen. Die Idee, das Wasser aus dem Bad einfach unters Laminat im Flur laufen zu lassen, finde ich brillant. Auch die Positionierung der Lichtschalter außen am Raum hinter der Tür ist echt pfiffig, vor allem, wenn man dringend aufs Klo muss.
In Polen ist vieles anders als bei uns zu Hause. 25 kg Kartoffeln kosten 1,38€, 10prozentiges Bier gibt es in 1- Liter- Dosen, und Sommerfeste werden im Winter gefeiert, so auch am Samstagabend, als wir bei Eiseskälte auf einer Bühne im Hinterhof der Liegnitzer Musikschule spielten. Es war erstaunlich, wie viele Menschen dort trotzdem waren und wie gut die Stimmung war.

Am letzten Tag, nach einem Ausflug nach Breslau und einem Auftritt in einer Aula in Jawor, gab es noch eine Riesenfete mit lauter Präsidenten und Vertretern aus irgendwelchen Städten. Nachdem sich die Stimmung durch viel Wodka gelockert hatte, feierten und tanzten alle zusammen bis spät in die Nacht hinein, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.